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Diese Version wird noch verbessert, vor allem illustriert.

Hier: Indien Bericht als PDF, illustriert

17 Seiten, downloadbar/ausdruckbar

Reiseplan und LageĂŒbersicht

Lage des Gliedstaates
Rajasthan – 342.239 kmÂČ
(= 4 x Österreich, 8 x Schweiz)

B.’s Reise begann mit VerspĂ€tung zum Plan – er traf erst am Abend des 2. Tages in Jaipur ein. Hier die korrigierte Version:

1. Tag = 19.09.13
(Singapur -) New Delhi – Jaipur
2. Tag = 20.09.13
Sawai Madhopur – Chittaurgarh
3. Tag = 21.09.13
Udaipur
4. Tag = 22.09.13
Jaisalmer
5. Tag = 23.09.13
Jodhupur
6. Tag = 24.09.13
Bharatpur – Agra – Taj Mahal
7. – 9. Tag = 25.09. – 27.09.13
New Delhi (- Istanbul)

Donnerstag, 19. September 2013 – Singapur – New Delhi – Jaipur

Der Abflug AI381 ab Singapur verspĂ€tet sich ohne ersichtlichen Grund um 45 Minuten – das wird Ă€rgerlich. B. muss in Delhi seinen Fahrer erwischen, der ihn raschestmöglich nach Jaipur karrt. Dort steht der Palace on Wheels an einem Vorortsbahnhof bereit. Vorerst zieht sich aber der Flug dahin, rund 5 œ Stunden. Die Hostessen tragen Nationaltracht, deutsch gesagt Dirndl-Look, sind frisch, schön, gediegen-fraulich, nicht puppenhaft oder nuttig wie anderswo – ausgenommen Lufthansa natĂŒrlich, die nehmen empirisch nachweisbar nur Hostessen, die fĂŒr die Heilsarmee zu alt oder zu unfreundlich waren.

Der Flughafen Delhi ist hochmodern, die Abfertigung zĂŒgig, keine Wartschlange. DafĂŒr ist das Prozedere ekelhaft, schon der Visumantrag umfangreich, die GebĂŒhr hoch und das Passfoto eine Wissenschaft fĂŒr sich, es muss 5 x 5 cm Format haben, Hintergrund grau oder weiss, Lachen verboten. Das vergeht einem auch, wenn man diesen Blödsinn durchspielen muss .Weil der Pass aus logisch nicht nachvollziehbaren GrĂŒnden bei Ausreise aus Indien noch fĂŒr weitere sechs Monate gĂŒltig sein und ebenfalls grundlos ĂŒber zwei jungfrĂ€ulich unverstempelte Seiten verfĂŒgen muss, war erst mal ein neuer Pass zu beschaffen. Tourismusförderung sieht anders aus.

Erster Akt: Zeitzone Ă€ndern. Das ganze Riesenland, ein Subkontinet genaugenommen, hat eine einzige Zeitzone. Besonderheit: diese liegt eine halbe Stunde ungerade im globalen System: also 3 œ Stunden vor Mitteleuropa, 2 œ Stunden nach Singapur.

 

Dazu kommt ein Formular im Flugzeug, trotz Visum, dessen sĂ€mtlich Angaben ja im Computersystem drin sein sollten? Man muss zwar nicht wie beim dĂŒmmlichen amerikanischen Vorbild ankreuzen, ob man bei der NSDAP war oder nicht, hingegen wird nach Satellitentelefonen gefragt – B. hat tatsĂ€chlich ein solches GerĂ€t dabei, wenn er in LĂ€nder ohne zuverlĂ€ssige Infrastruktur oder solche mit hoher Gefahr fĂŒr Naturkatastrophen reist.

Am Ausgang wird B. dringend erwartet, man verwirft die Alternative, sicherheitshalber direkt nach Sawai Madhopur zu fahren, wo der Zug am anderen Morgen ankommen wird, und braust nach Jaipur.

Der Verkehr hierzulande findet anders statt als gewohnt, ich rede von der Strasse, nicht vom Kamasutra . Erst mal ist Linksverkehr, das kommt davon, wenn man sich mit den EnglĂ€ndern einlĂ€sst. Alle paar Kilometer kassiert irgendein anderer Gliedstaat Maut, die weitgehend sechsspurige, richtungsgetrennte, also autobahnartige Strasse ist in sehr unterschiedlichem Zustand, aber in einem besseren als der Durchschnitt der Fahrzeuge. Kaum jemand fĂ€hrt auf seiner Spur, immer irgendwie halb da oder dort, Spurwechsel prinzipiell ohne Blinkzeichen, weshalb der ĂŒberholende Fahrer stets hupt, um unvermittelte Fahrmanöver des Überholten zu verhindern. Die Lastwagen tragen fast alle sogar eine rĂŒckwĂ€rtig aufgemalte Aufforderung: BLOW HORN – welche in Mitteleuropa allenfalls von Feministinnen beanstandet wĂŒrde, doch hier fĂŒhrt das nur zu einem einzigen, permanenten und unnötigen Hupkonzert.

Nummerierung der Fahrzeuge ist Pflicht, Nummernschilder hingegen erst seit neuestem. Folglich kann jeder seine Nummer selber irgendwie auf die LadebrĂŒcke seines Lastwagens pinseln, manche tun es sogar mehrfach. Immerhin: eine liberale Lösung, fĂŒr einmal ohne FormalitĂ€ten.

Die Aufschriften sind ĂŒberall mindestens in Hindi, erst in zweiter Linie englisch, B. hatte immer gemeint, englisch sei der common denominator unter all den Sprachen Indiens. Das Hindi-Schriftbild ist recht schön, aber etwa so lesbar wie chinesisch. Immer zieht sich ein horizontaler Balken durch den oberen Teil des Geschreibsels, es sieht hĂŒbsch aus, wie eine abstrahierte behĂ€ngte WĂ€scheleine.

Die Landschaft ist ziemlich flach, der Entwicklungsgrad höchst unterschiedlich, da gibt es modernste Fabrikbezirke und armselige , staubige Strassendörfer, Staub als Folge von Trockenheit . Man sieht alles, Fuhrwerke, berittene Esel, dunkle Schweine mit langen Borsten auf der Strasse, vereinzelte Kamelfuhrwerke, sogar Elefanten, und jede Menge Heilige KĂŒhe.

Diese meist mageren buckligen Rindviecher hatte B. gehÀuft in Randzonen, vergleichbar dem hinteren SchÀchenthal vermutet, sie sind aber effektiv allerorten.

Die schönste wird B. morgen am Bahnhof von Sawai Madhopur antreffen, am Bahnsteigende, ein Gleis neben dem Palace on Wheels – mit offenen Augen, einen Hund auf dem Bauch. Argwöhnisch trat B. nĂ€her: die Kuh war tot, das zuoberst liegende Gerippe schon angefressen. Vermutlich wird sie erst entfernt, wenn der Verwesungsgeruch negative Auswirkungen auf die Fahrgastfrequenzen an Sawaj Madhopur Junction Station hat.

Jaipur liegt nur gut 250 km sĂŒdlich des Flughafens Delhi, dennoch gelten sechs Stunden Fahrzeit als angemessen, das trotz der sog. Autobahn. Wir schaffen es aber reichlich zeitig, nach einem kurzen Imbiss auf der Strecke.

War schon die Einreise ein Freudenfest der BĂŒrokratie, so ist leider seit zwei Tagen corporate policy der Zugsbetreiberin, Passbilder der FahrgĂ€ste zu verlangen. HĂ€tte man ja mit drei Monaten Vorlauf auch melden können, dann hatte B. eines mitgenommen, aber nein, sofort muss das sein. Wobei ein Passbild ĂŒbrigens kein Visumbild ist, sondern ein normales Foto, nicht quadratisch. Obwohl unter Zeitdruck, wird rasch an einer schmuddeligen Strassenecke eines angefertigt, acht StĂŒck fĂŒr umgerechnet vier Franken. Im abendlichen Stossverkehr des eindunkelnden Jaipur erreichen wir den Bahnhof, ein freundlicher livrierter Diener steht parat, geleitet B. zum Zug.

SpĂ€ter sollte sich der Zweck dieses Ärgernisses zeigen: irgendein beamteter Weltverbesserer hat sich einen Pseudo-Reisepass ausgedacht, sieht amtlich aus. Gilt fĂŒr den Palace on Wheels, mit Foto und Personalien, und da wird einem dann an jeder besuchten Destination ein Stempel reingedrĂŒckt. Sooo schön! DafĂŒr also das ganze Foto-Getue
 Alle GĂ€ste lachen nur ĂŒber diese Furzidee, aber die hiesigen nehmen das hier irgendwie ernst. Die hĂ€tten mir besser den neuen Schweizerpass samt Visum bezahlt


B.s Abteil hat zwei getrennte, gute Betten, allerhand Lichtschalter, fast so unĂŒberschaubar und verwirrend wie in einen richtigen teuren Hotel, ein wohlfunktionierendes Bad mit britisch-veraltet anmutenden Armaturen. Alles ist antik gestylt mit viel gedrechseltem Mobiliar, blumigen VorhĂ€ngen und so – wird als aus den grossen Zeiten der Maharadschas unter Kolonialherrschaft stammend vermarktet, in Wahrheit ist der Zug erst 1995 konzipiert und gebaut worden. Es sieht nur Ă€lter aus, so leicht heruntergekommen. Dieser morbide Charme ist durchaus passend hier, und alles ist sauber. Von der Gediegenheit der Machart her ist allerdings der luxuriöse Eastern Orient Express Thailand-Malaysia deutlich wĂŒrdevoller – deshalb aber keineswegs lustiger.

Es hat Platz fĂŒr 104 GĂ€ste (14 Schlafwagen mit je vier Doppelzimmern), 50 sind an Bord, denn die Saison steht erst bevor, ab nĂ€chster Woche ist kein Platz mehr frei. Der Zug ist ungeheuer lang, hat inklusive der zwei Speisewagen in Zugmitte, Barwagen, Spa-Wagen, daneben je zweier Personal- und Generatorwagen insgesamt 22 Waggons. Die Generatoren an den beiden Enden des Zuges laufen Tag und Nacht, fĂŒr all den Strom der da fĂŒr Warmwasserboiler und Klimaanlage benötigt wird.

Zwei Ă€usserst freundliche und zuvorkommende Diener stehen fĂŒr die vier GĂ€stezimmer des Wagons Alwar – alle Namen beziehen sich auf irgendwelche StĂ€dte in Rajasthan – war rund um die Uhr zur VerfĂŒgung, einer schlĂ€ft in einer Nische am Waggonende auf einer Pritsche.

B. ist an Bord Mr. Alwar3. Die anderen GĂ€ste sind ein indischen Familie, die in den USA lebt, recht kluge Leute. Papa ist Medizinmann, eine Tochter studiert Jus, die andere ist Chirurgin, der Schwiegersohn ist weiss und bleich.

Die VorhĂ€nge sind erst mal ĂŒberall zugezogen, auch im Speisewagen, wohl um Sozialneid der Passagiere anderer ZĂŒge an der Strecke zu reduzieren. Zuerst muss B. den Barwagen passieren, dort ordert er einen heimischen Merlot, der dann verkostet und spĂ€ter zu Tisch gebracht wird.

Das mehrgĂ€ngige Abendessen wird stĂŒckweise serviert, also zuerst Fleisch auf den Teller, dann lange nichts, dann folgen die Kartoffeln, viel spĂ€ter das GemĂŒse. Alles delikat, der einheimische Merlot entfaltet aber sich erst zur Trinkbarkeit, als B. schon nahe am Flaschenboden angelangt ist. Er sitzt allein an einem Vierertisch, den RĂŒcken zur Wand, der Wagen ist gut halbvoll, das Interieur schwer, behĂ€big, im Geschmack der Dreissigerjahre, halbindisch. B. trĂ€gt Topenanzug ohne Krawatte, wirkt leicht britisch, dabei stammt die exotische Tracht aus Hamburg


Nachts fĂ€hrt der Zug langsam – zugelassene Höchstgeschwindiheit ist 80 km/h – auf geraden Strecken mit gutem Oberbau, also recht ruhig und bleibt oft lange still stehen. Alles tadellos.

Die Fahrt geht Richtung SĂŒdosten, nach Sawai Madhopur.

Freitag, 20. September 2013 – Sawai Madhopur – Ranthambhore Nationalpark – Chittorgarh

Tagwacht morgens 05:40, Dusche, der Diener bringt Tee und Bisquits. Abfahrt auf offenen MilitĂ€rtransportern zum Tierreservat, erst mal ewiges Warten an einer Bahnschranke, irgendwann kommt ein Zug, nach Unzeiten ein zweiter, die PersonenzĂŒge sind unglaublich lang hier, dann fĂŒr Ewigkeiten nichts, die Schranke geht erst auf, als wir intervenieren


Es geht durch eine abscheuliche Ortschaft namens Sawai_Madhopur , voller Staub, allerhand Getier und vor allem Heiligen KĂŒhen, letztere fressen in den graslosen Ortschaften fast alles, unter anderem z.B. Wellkartons (!) – was sicher eine gute Milch gibt, vitaminreich und fettarm. Auf Anfrage wird bestĂ€tigt, das sei ok, nur PlastiksĂ€cke fĂŒhrten zu Problemen, die KĂŒhe sĂ€hen dann wie schwanger aus, seien aber nur voller Plastic und sterben letztendlich daran.

Die Hunde scheinen allerorten besitzerlos und sind sich landesweit alle Àhnlich, so irgendwie zwischen Fuchs und Wolf in Farbe und Gestalt.

Irgendwie scheint den Aborigines hier der Ordnungssinn zu fehlen. Man mĂŒsste nur ein wenig mehr aufrĂ€umen, Unrat einsammeln, einige staubige PlĂ€tze pflastern, drei von vier GebĂ€uden neu streichen und womöglich einige Geranienkörbe vor die Fenster hĂ€ngen
 Indien wĂ€re nicht wiederzuerkennen.

Nun geht es ĂŒber unsagbar holprige Strassen durch den Ranthambhore-Nationalpark.

Da leben Pfaue in freier Wildbahn, Gazellen, Antilopen
 angeblich auch Tiger. Der einzige Tiger, der wirklich sichtbar und nachweisbar da ist, ist aber Bech-tiger. Letztere sind hierzulande in der Tat noch seltener zu sichten als die gescheckten Raubkatzen. Als B. sich gegenĂŒber den Mitreisenden ĂŒber seine Tigernatur outet, wird er gleich mehrfach in Gruppenfotos integriert
 schliesslich will niemand ohne Tigerfoto nach Hause. Und wen man das Pech hat, keinen normalen Tiger gesehen zu haben, reicht zur Not ein Pech-tiger.

Erst danach FrĂŒhstĂŒck im Zug, dazu hat jeder Wagen eine Art Wohnzimmer mit Sitzgruppe. Der Zug fĂ€hrt nach SĂŒdosten los, zum Lunch B. pilgert zum Speisewagen, mindestens 6 Waggons weiter vorn – das ist etwas lĂ€stig. Beim Barkeeper wĂ€hlt er eine Flasche Weisswein und wird gefragt, wie der Merlot gestern gewesen sei. B., sowohl Diplomat wie auch ein AnhĂ€nger der nackten Wahrheit, Ă€ussert Freundlichkeiten, deutet aber Verbesserungsmöglichkeiten an. Der Chef der Bar, der richtigerweise einen guten Kunden in B. erblickt, gewĂ€hrt B., in dem er einen proindischen Weinkonsumenten sieht, einen Dauerrabatt auf dem indischen Weinsortiment von 25% fĂŒr die ganze Woche an. B. ist ob soviel Gastfreundschaft tief gerĂŒhrt, setzt sich um 15:00 Uhr an einen gedeckten Tisch im Speisewagen, entfaltet seinen Laptop und schreibt an diesem Bericht. Der Weisse ist sehr gut, die Flasche wird das LĂ€uten zum Abendessen nicht mehr erleben.

Ankunft in Chittorgarh . Da gibt es eine grosse, langgezogene Festung auf einem BergrĂŒcken im Norden der Stadt, mit sehenswĂŒrdigen Bauten, die mal wieder einen KĂŒbel Farbe vertragen wĂŒrden.

B. beobachtet, wie die abgezĂ€hlten Tickets der ganzen Meute, etwa 25, vom Reiseleiter dem Opa am Eingang ĂŒbergeben und ohne abgerissene Coupons beim Verlassen wieder retourniert werden. Ist doch irgendwie demokratischer, das Geld kommt schon auf unterer Stufe der breiten Bevölkerung zugute, als es verschwindet erst im zustĂ€ndigen Ministerium.

Dreimal wurde die vermeintlich uneinnehmbare Feste im Laufe der Zeiten von den Muslims gestĂŒrmt. Jedesmal haben sich die belagerten halbverhungerten Frauen und Kinder von einer Mauer zu Tausenden in ein riesiges Feuer gestĂŒrzt, die MĂ€nner zogen derweil selbstmörderisch im Hochzeitsanzug dem Feind in die Arme und liessen sich allesamt niedermachen. Diese Form von Holocaust heisst Jauhar und wird von B. nicht ohne RĂŒhrung respektiert, aber nicht empfohlen.

Auffallend vielzitierte israelische Nationalepen, wie Masada , muten daneben rein zahlenmĂ€ssig wie BagatellunfĂ€lle der Geschichte an. Ob die indische Methode – erst Widerstand, dann ein Sich-selber-aus-dem Weg-rĂ€umen – als Vorbild fĂŒr die Verzögerung der Islamisierung Europas gelten kann, darf bezweifelt werden.

Als B. zum Dinner schreitet und diesmal einen Cabernet Sauvignon auftragen lĂ€sst, dĂ€mmert ihm was: statt auf einem Rechnungsblock der Bahngesellschaft unterzeichnet er auf einem Schmierzettel des Barkeepers. Da wird eine doppelte Buchhaltung gefĂŒhrt, zu Gunsten der Barmannschaft. Daher der so herzlich gewĂ€hrte Rabatt
 Soll B. nun Transparency International einschalten oder preisgĂŒnstig weitergurgeln? Erstens fehlt ihm die Berufung zum Staatsanwalt, zweitens ist er durstig, drittens gilt: If in India, do as the Indians do. Also bleibt es bei der Win-Win-Win-Situation a) fĂŒr die Barmannschaft und b) B.‘s Leber und c) B.’s Portemonnaie.

Zudem: die höhergestellten holen sich ihrerseits Prozente, in dem sie ihre Gruppen immer wieder autobusweise in irgendwelche SouvenirlĂ€den verschleppen – erstaunlicherweise mault da niemand und die Reisenden kaufen recht tĂŒchtig ein.

Nach dem Essen: Massage (seriös) im Spa-Wagen, B. wird total eingeölt und schlĂ€ft danach wie ein indischer FĂŒrst.

Samstag, 21. September 2013 – Udaipur

Erst um 04:00 hat sich der Zug nach Udaipur bewegt, ein kurzes StĂŒck nach SĂŒdwesten. FrĂŒhstĂŒck in unserem Wohnzimmer, dann geht’s per Bus in die Stadt, die grad mal gegenĂŒber des intakten Hauptbahnhofes mit einer Favela beginnt, die man in Brasilien an so zentraler Lage und in dem Zustand nicht tolerieren wĂŒrde.

Udaipur hat ein paar nette Seen, darin Inseln mit Schlössern, einen bedeutenden Königspalast, die Dynastie ist angeblich die Ă€lteste der Welt, seit 1.500 Jahren oder 76 Generationen an der Macht. Oder auch nicht mehr, denn schliesslich ist Indien Republik, der König Hotelier. Zimmer hat er nĂ€mlich ĂŒberall genug, 16 Palasthotels betreibt die HRH Gruppe (http://www.hrhhotels.com/) bereits, die AbkĂŒrzung steht bescheidenerweise fĂŒr Historic Resort Hotels, nicht fĂŒr His Royal Highness.

Überall muss man tĂŒchtig Treppen steigen und im GedrĂ€nge durch schmale Gange und verwinkelte Stiegenschlunde des Palastes drĂ€ngeln. Als man dann auch nach zum Tee auf ein Inselchen fĂ€hrt, wird die Bootsverladung diverser Opas und vor allem Omas zur Tragödie – oder zur Tragikomödie, je nach Grad der inneren Anteilnahme. Ein selbst schon sehr unbeweglicher Muselman ist mit seinen drei alten MĂ€dels hier – ob er auch mit allen verheiratet ist oder nicht, blieb vorerst unklar – alle im Tschador, aber auch eine feine Britin, vom Angesicht her Hochadel, ist körperlich ein verkrĂŒmmt sich fortwurstelndes Elend. Strecken vom Bus zum Landesteg usw. werden mit eilig organisierten Golfcaddies bewĂ€ltigt.

Das Essen ist – unerwartet – allgemein vernĂŒnftig gewĂŒrzt, erkennbar absichtlich fĂŒr die westlichen Touristen. Es ist alles ganz schmackhaft, ausser spinathĂ€ltigen Dingen, die nach Meertang schmecken, und zudem ist B. kein Koriander-Fan. Die SpeisewagenkĂŒche ist keine verborgene Schmuddelei, sondern von Gangfenster aus einsehbar und vertrauenserweckend, sauber, alles Chromstahl. Folglich beklagt sich auch niemand ĂŒber sogenannte Verdauungsprobleme.

Sonntag, 22. September 2013 – Jaisalmer

Diesmal fĂ€hrt der Zug eine Nacht lang fast durch, rund 800 km gegen Westen, Ankunft in Jaisalmer gegen 09:00. Die entlegene Stadt, von WĂŒste und Steppe umgeben, lebt seit dem Untergang der Seidenstrasse praktisch vom Tourismus und bemĂŒht sich entsprechend.

FrĂŒhstĂŒck mit der indischen Clanmutter meiner Mitbewohner: Sie sind allesamt römisch-katholisch, besonders typischerweise die Mutter, B. bezeichnet deren Bekenntnis insgeheim als indisch-katholisch. Nun ist Mum total unglĂŒcklich, denn es ist Sonntag und sie kann ihr religiösen BedĂŒrfnisse nicht austoben. Sie fragt allen Ernstes den unseren Diener nach Gottesdiensten im Zug! Das wĂŒrde B. aber gar nicht passen, wenn die den Barwagen in einen Kirchenwagen umwandeln wĂŒrden.

Religion spielt in Indien eine tragende Rolle allerorten. Die Gottheiten sind untereinander verwandt wie die Heilige Famile, nur kinderfreudlicher, da sie z.B. in Elefantengestalt dargestellt werden. Zwar hat auch die Dreifaltigkeit zusammengerechnet vier Arme und zwei FlĂŒgel und ist doch nur ein einziger Gott, aber da sind uns die Inder mit einer einzigen vielarmigen Göttin theologisch-technisch (oder sagt man: theobiologisch?) gesehen klar ĂŒberlegen. Zudem, es gĂ€be andernorts allenfalls auch Göttinnen mit vielen BrĂŒsten (etwa Artemis ), die sind B. besonders sympathisch.

B., der einzig an das Fliegende_Spaghettimonster glaubt, bzw. zu glauben vorgibt, um nicht als Atheist gebrandmarkt werden zu können, hat da seine liebe MĂŒhe. Wer sukzessive den Glauben an das Menschengeschlecht verliert, kann schwerlich an die von ebendiesen Menschen erfundenen Götter glauben.

Immerhin, angenommen der elefantengestaltige Shiva wĂŒrde so ungeniert Spaghetti essen wie die heiligen KĂŒhe hierzulande Wellkarton, dann kĂ€men sich B.‘s Bekenntnis zum Pastafarianismus und der Hinduismus schon bedenklich nahe.

Grosser Bahnhof: roter Teppich auf dem dekorierten Bahnsteig, dann muss man gewissermassen Spießruten laufen durch ein Spalier von exotisch gewandeten Indern, erhĂ€lt von einer entzĂŒckenden Jungfrau einen roten Punkt auf die Stirn getupft, eine weitere Jungfrau hĂ€ngt einem einen Blumenkranz Typ Hawai (aber ohne Ananas) um den Hals, im Hintergrund kriegslĂŒsternes Getrommel. B. bĂŒckt sich stets brav, lĂ€chelt freundlich und faltet die HĂ€nde zum Gruss, was ĂŒberall gern gesehen und freudig erwidert wird.

Der Empfang findet in jedem Ort in etwa so statt, aber nur hier mit rotem Teppich, man fĂŒhlt sich wie ein Staatsgast. Auch das Polizeiaufgebot scheint in Jaisalmer stĂ€rker: die pakistanische Grenze ist nur noch 135 km entfernt.

Es gibt eine befestigte Oberstadt zu besichtigen, bemerkenswerte GebĂ€ude, oft sind in der Gegend Fenster mit einer Art Gitterwerk/Ornament aus mĂŒhsam durchlöcherten Marmorplatten versehen. Die Stadt ist sichtlich sauberer als andere, da hat man offenbar gemerkt, dass man vom Tourismus lebt.

Englische Inschriften sind immer wieder ein Quell der Heiterkeit. B. unterthĂ€lt ohnehin eine Fotosammlung fĂŒr derlei. „Burn your CD with digital camera“ lautet eine Werbetafel, bei einem Brunnen steht: „Surface near fountain may be slipery avoid photography by climbing on it“. Die Archaeological Survey of India meisselte in grossen Lettern in einen Stein: „Sutstain (nicht sustain) your heritage and feel glorious“ (!). Schön auch: „Please use dustbin to throw the garbage“.

Ein Indienkenner behauptet, manche Inschriften wĂŒrden absichtlich falsch abgefasst, um die Aufmerksamkeit der Touristen zu erregen und umsatzfördernd auf die betreffende Firma zu lenken. Interessante Theorie!

Abends gegen Sonnenuntergang wird man 45 min. in die WĂŒste gekarrt. Da blĂŒht eine ganze Industrie mit hunderten von Kamelen, und es sind erstaunliche Mengen von Leuten da, die damit reiten wollen. Sieht sehr farbenprĂ€chtig aus, die WĂŒste in der Abendsonne, die mit bunten TĂŒchern bedeckten SĂ€ttel, die Kamele selber werfen riesige Schatten. Wir reiten wir nun eine halbe Stunde lang in den DĂŒnen umher, je zu zweit, B. hat die jĂŒngste und attraktivste Dame aus der ganzen Reisegesellschaft abbekommen – diesmal. Auch ein blindes Huhn trifft manchmal ein Korn – oder, wie es B. so in den Sinn kommt, wie er hier bissig vor sich hinschreibt, auch ein blinder Hahn tritt manchmal ein Huhn.

B.‘s letzter Kamelritt war 1980, vor den Pyramiden von Gizeh. Als B. oben auf dem Viech sass, machte der Fellache – damals noch mit der Leica – ein Foto, auf dem von B. nur die Jeans zu sehen sind, der Kopf ist abgeschnitten. Dann wurde ĂŒber den Preis dieser Übung verhandelt. B. fand sich in gehobener, aber irgendwie schwacher Verhandlungsposition, denn erst musste er ja wieder heil runterkommen


Kamele reiten ruckelig, bei jedem Schritt wackelt man nach vor und zurĂŒck, nur Elefanten sind noch unangenehmer. B. wird bis auf Weiteres sein Auto behalten.

Abendessen im neuen, prachtvollen FĂŒnfsterne-Palasthotel Suryagarh am WĂŒstenrand, dazu Folklore im Park, der trockene, heisse WĂŒstenwind lĂ€sst die GetrĂ€nke grauslich warm werden.

Montag 23. September 2013 – Jodhpur

In Jodhpur Getrommel und Krach auf dem Bahnsteig, genau vor B.‘s Waggon: eine 12 Mann starke Musikkapelle weckt die Passagiere. Den gĂŒldenen, zopfigen Schultergeflechten nach zu schliessen, sind die Bandmitglieder allesamt wiedergeborene deutsche GenerĂ€le.

Die mĂŒssen nun zur Strafe fĂŒr ihre Kriegsverbrechen hinduistische Folkloremusik machen.

Die City hat eine 10 km lange intakte Stadtmauer und natĂŒrlich eine gewaltige Festung, die letzte Witwenverbrennung eines Mitgliedes der Herrscherfamilie fand hier oben 1954 statt, obwohl seit 1829 verboten.

Immerhin haben die Glarner Anna_Göldi noch 1782 als Hexe hingerichtet, da ist der immerhin angeblich freiwillige Verzicht der Dame hier auf eine magere indische Witwenrente vergleichsweise weniger archaisch.

Noch in den spĂ€ten Dreissigerjahren wurde ausserhalb der Stadt der kuppelĂŒberwölbte Umaid-Bhavan-Palast erbaut, 347 Zimmer, ein Monstrum, im Layout irgendwo zwischen Petersdom und Capitol, aber im Aussehen beiger Sandstein und Art Deco. Lunch im dazugehörigen JagdhĂ€uschen.

Kurz nach Zugsabfahrt am spĂ€ten Nachmittag giesst es in vollen Strömen, sofort ist die Landschaft von PfĂŒtzen durchsetzt. So ganz vorbei ist die Monsunsaison scheinbar noch nicht. ReiseplĂ€ne nach Indien sollte man erst fĂŒr Oktober fassen, da wird es dann langsam auch kĂŒhler. Bis etwa Mai geht es dann mit dem Wetter gut, danach herrscht Sintflut.

Dienstag, 24. September 2013 – Bharatpur – Agra – Taj Mahal

In Bharatpur holpert man mit einer Fahrradrikscha durch ein Vogelparadies. B. kennt sich in Ornithologie nicht aus und kann normalerweise grad mal einen Spatzen von einem Raben unterscheiden.

Dann fĂ€hrt der Zug nach Agra. Dort steht das bisher schönste Fort, eine grosszĂŒgige Anlage, 3 km2 gross, das ist siebenmal der Vatikan. In einem heute leeren Saal befand sich einst der Pfauenthron, bevor in die Perser raubten, auseinandernahmen und die Edelsteine einzeln veruntreuten.

Das wĂ€re dann die letzte besichtigte Befestigungsanlage gewesen: zeitweise möchte man meinen, man sei in eine Auslandexkursion der Schweizerischen Gesellschaft fĂŒr militĂ€rhistorische Studienreisen geraten.

B. schickt sich in das Unvermeidliche: kein Indienbesuch ohne Taj_Mahal. Das Grabmahl hat ein verliebter Herrscher fĂŒr seine geliebte Ehegattin https://de.m.wikipedia.org/wiki/Mumtaz_Mahal erbaut, die stellt man sich folglich besonders jung, schön, sexy und verdorben vor. Irrtum: die gute Frau hat 14 Kinder geboren, war also keine reine Zierpuppe fĂŒr einen FĂŒrstenharem. Der klassische deutsche Hartz-IV-EmpfĂ€nger wĂŒrde vielmehr vermuten, die Liebe des Gemahls sei so unsterblich gross gewesen wegen der vielen Kinderbeihilfe, die er dank seiner wurffreudigen Bettgenossin erhalten habe.

Vielleicht war sie halt klug und tĂŒchtig, wie Kaiserin Maria Theresia, man ist sich halt nur als heutiger Weisser Mann nicht so gewohnt, Frauen wegen so unzeitgemĂ€sser Eigenschaften zu ehren.

Der Taj Mahal wird aufmerksam bewacht, und 24 Verbotsschilder sind zu sehen. Verboten sind u.a. rauchen, essen, trinken, pinkeln, mit Werkzeugen am Taj herumkratzen und seinen Namen eingravieren, Sprengstoffe zĂŒnden und dergleichen SpĂ€sse mehr – alles was die Leute halt gerne so machen, wie BĂŒcher und Taschenlampen am hellichten Tag durch den Taj tragen und so, oder mit Schusswaffen herumballern. Alles verboten, nur hingucken ist zulĂ€ssig.

Daneben ist einzig Korruption erlaubt, denn erneut beobachtet B. den Trick mit den rezyklierten Eintrittskarten.

Ein Fotograph hat erstaunlich hochwertige Einzel- und Gruppenbilder von uns gemacht die verkauft er nun im Bus. Als der AbfĂ€hrt, kommt er nochmals angerannt und drĂŒckt dem Reiseleiter offen vor aller Augen den geschuldeten Kickback in die Hand. Honi_soit_qui_mal_y_pense – ehrlos, wer schlechtes dabei denkt. Diesen Satz haben die Inder aus dem britischen Staatswappen abgeschaut – denn ist der Ruf mal ruiniert, so lebt sich’s fröhlich-ungeniert.

Abends Schlussabrechnung mit dem Barkeeper, schön sauber, der Cash bezahlte Teil mit den besagten 25% Rabatt. Bei Tische kugeln wir uns vor GelĂ€chter ĂŒber die Verderbtheit der Sitten hierzulande – einige konnten sich noch unter Berufung auf B.‘s Vertrag – gleiches Recht auf Korruption fĂŒr alle – die nicht bereits verbuchte Konsumation vom Vortag rabattieren lassen


Mittwoch, 25. September 2013

Der Zug steht auf einem stillen, abgelegenen Vorortsbahnhof von Delhi, FrĂŒhstĂŒck, Abschied, Adressenaustausch. Ein Betreuer und ein Fahrer holen B. ab und karren ihn ins grandiose Hotel Imperial (http://www.theimperialindia.com) . Da trifft man dann teils die Leute wieder, von denen man sich am Bahnhof grad feierlich und mutmasslich fĂŒr immer verabschiedet hat


FĂŒr ganze 2.000 Rupien = USD 33 kann er Fahrer samt Wagen den ganzen Tag behalten, besichtigt fĂŒr teure und zudem ehrlich bezahlte (!)300 Rupien das mittelprĂ€chtige Nationalmuseum und fĂŒr nur 20 Rupien das heruntergekommene, riesige Eisenbahnmuseum, weitgehend eine Ansammlung von Abstellgeleisen, auf denen unglaublich verlotterte alte Waggons vor sich hin rotten, manche fallen effektiv fast auseinander.

New Delhi ist nicht wirklich Indien: breite Alleen mit schönen LaubbĂ€umen, gepflegt, wenig Verkehr, absolut keine Heiligen KĂŒhe, eine grosszĂŒgige Planstadt aus der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg. Kaum war die britische Herrschaft endlich gediegen eingerichtet, fiel sie nach wenigen Jahren in sich zusammen, 1947.

Der nicht oder nur massvoll korrumpierte Fahrer bringt B. zu einem Schneider, keinem hochpreisigen fĂŒr Touristen, dementsprechend bescheiden ist der Laden, dafĂŒr kostet ein Massanzug aus gutem Wolltuch nur USD 200,– und B. ordert drum grad mal drei StĂŒck, nĂ€mlich blau, grau und schwarz, morgen Abend abzuholen.

Donnerstag, 26. September 2013 – (New) Delhi

Chauffeur und FĂŒhrerin, deutschsprachig sogar, stehen parat, B. besichtigt frĂŒhe islamische Bauten, einen Altstadtbazar voller Strom- und Telefonkabel, ein unglaubliches Gewirr, das gilt als so extrem, dass man eigens Fahrradrikschas organisiert hat, um diese GrĂ€uel den Touristen zu zeigen.

Zu guter Letzt besichtigt B. gerĂŒhrt die Villa, in der Mahatma Gandhi erschossen wurde, der Nelson Mandela der Vierzigerjahre.

Die neuen GewÀnder sind fertig, sitzen tipptopp, B. ist fast gratis neu eingekleidet.

Freitag, 27. September 2013 – New Delhi – Istanbul

War es, wie oben ausgefĂŒhrt, schon schwierig genug, nach Indien reinzukommen, so umso mehr, es wieder zu verlassen.

FĂŒr den Abflug 06:05 Delhi nach Istanbul soll B. drei Stunden vorher am Flughafen sein, ok, zwei, da Business Class. Abfahrt im Hotel spĂ€testens 03:30, B. steht brav 02:45 auf und ist, da er sich ja nicht schön machen muss, weil er das schon ist, bereits 03:05 fertig, geht zu Rezeption um auszuchecken und Mails zu lesen. Doch da wartet schon ein hageres BĂŒrschchen vom ReisebĂŒro, kaum oder garnicht volljĂ€hrig, geleitet B. zum Chauffeur, demselben wir immer, und los geht’s.

Wo ein Einreiseformular, da natĂŒrlich auch ein Ausreiseformular, auch Dummheiten habe ihre Logik. Immerhin, das BĂŒrschchen fĂŒllt das Zeugs artig aus, B. muss nur noch unterschreiben. Man gewöhnt sich rasch daran, dauern von derlei hilfreichen Geistern umgeben zu sein.

NĂ€chstes Hindernis: Zugang zum Flughafen nur mit Ticket. Dank E-Ticket hat B. aber garnix dabei. Das vife BĂŒrschchen – ohne dieses wĂ€re B. bereits hier endgĂŒltig gescheitert – schlĂ€gt mit seinem Ausweis durch, da liegen drinnen Listen mit Passagieren bereit, eigens wegen den Fortschrittlichen, die kein Ticket dabeihaben, so können wir die WĂ€chter am Eingang zum Terminal schon mal ĂŒberzeugen.

Am Turkish-Airlines-Schalter erhĂ€lt das HandgepĂ€ck, bei B. immer ein kleiner Rucksack, einen Sticker, der sich spĂ€ter ablöst, aber gottseidank nicht verlorengeht. Die Polizeikontrolle ist tadellos, Stempel im Pass, einer auf der Boarding Card, einer auf dem HandgepĂ€ck-, genauer RĂŒckengepĂ€ckaufkleber.

Durchleuchtung und GepĂ€ckuntersuchung: vorher wie nachher Boarding Card zeigen. B.‘s silberner Kugelschreiber wird genau untersucht, könnte ja eine Waffe sein.

Auf der Eintrittskarte zur Business-Lounge ist sogar eine Karte abgebildet, aber dennoch findet man sich nur nach Befragung des Auskunftsschalters zurecht.

B. benötigt mehrere Minuten, um kryptische Zahlenfolgen fehlerfrei/case sensitive einzugeben, bis der iPad endlich am Internet hÀngt und er ein 45 min lang gratis E-Mails lesen kann; der Espresso ist jedoch sehr gut. Es ist 04:05, eine Stunde nach Abfahrt in der Stadt und tatsÀchlich ganze unnötig vergeudete zwei Stunden vor dem Abflug.

 

Am Gate wird B. nach Vorweisung von Pass und Boarding Card locker durchgelassen, 20 Meter dahinter steht eine schöne Polizistin, und was will die schon wieder sehen: Pass und Boarding Card. Den abgerissenen GepĂ€cksticker hat B. in der Hand, ok, aber ist er auch gestempelt? Das glatte, plastifizierte Papier lĂ€sst den Abdruck kaum erkennen, also am besten nochmal zurĂŒck zum Terminaleingang – wie hiess doch dieses Brettspiel frĂŒher, wo man auch immer mal wieder zum Ausgangspunkt zurĂŒckgewĂŒrfelt wurde, „Mensch_Ă€rgere_Dich_nicht“ oder „Eile mit Weile“. Dieses Spiel ist tatsĂ€chlich indischen Ursprungs, das erklĂ€rt viel! Gut, die Beamtin vermag am Ende den Abdruck zu erkennen, und sei es auch nur, um B. loszuwerden.

 

Eile mit Weile
per aspera ad astra – Auf rauhen Wegen zu den Sternen, in dem Fall zu Star-Alliance Mitglied TĂŒrkish Airlines
Vor dem Flieger steht ein blaugewandeter Airlinesmensch, klar, der glaubt es immer noch nicht, dass es einer legal bis hierher geschafft hat, und was will der sehen, ratet mal: Pass und Boardingcard. Das war die dritte ÜberprĂŒfung auf 100 m Distanz. Was fĂŒr das Guiness Buch der Rekorde.

Uff, endlich auf tĂŒrkischem Territorium, im Flugzeug nĂ€mlich. Nicht dass es dort wĂ€re wie es sein sollte, aber im Vergleich ist Erdoganien eine Paradies fĂŒr AntibĂŒrokraten.

Man wird in eiern Woche Indien nicht zum Hindu, aber immerhin zum Stoiker: „FĂŒr den Stoiker als Individuum gilt es, seinen Platz 
 zu erkennen und auszufĂŒllen, indem er durch die EinĂŒbung emotionaler Selbstbeherrschung sein Los zu akzeptieren lernt und mit Hilfe von Gelassenheit und Seelenruhe zur Weisheit strebt.“ – so gelesen in Wikipedia.

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Die Reise umfasste einen guten Teil bekanntesten bzw. berĂŒhmtesten SehenswĂŒrdigkeiten Indiens. NatĂŒrlich gibt es noch andere Landesteile, man hat Frankreich auch nicht gesehen, wenn man drei Tage in der Ile-de France war.

Die Methode, die weit auseinanderliegenden Orte per Salonwagenzug im Nachtsprungverfahren zu bewĂ€ltigen, ist ideal. Mietwagen & Chauffeur oder Luxus-Bus wĂ€re auf diesen Strassen unvergnĂŒglich, zudem langsamer und die Fahrt nur tagsĂŒber zumutbar, was also viele fĂŒr Besichtigungen nutzbare Stunden verbrauchen wĂŒrde. Die Landschaften sind zudem grundsĂ€tzlich unspektakulĂ€r, meist topfeben. Es bliebe also die öde Fliegerei mit all den Flughafen-Sicherheitsschikanen/ Wartereien/ VerspĂ€tungen und tĂ€glichen Hotelwechseln. Zudem wĂ€re die QualitĂ€t der Hotels nicht zwingend allerorten ideal, so ist zu vermuten.

 

..andere ZĂŒge
Mit dem Maharaja-Express steht ĂŒbrigens ein neuerer Zu dieser Art, Baujahr 2009, zur VerfĂŒgung, saisonbedingt aber stets erst ab Oktober. Ist zweifellos moderner, aber deshalb nicht unbedingt gemĂŒtlicher. Weiter sĂŒdlich gĂ€be es noch den Deccan-Odyssey und The Golden Chariot – muss man nĂ€her ansehen.

Unnachahmlich haftet der Bahnreise im leicht veralteten Salonwagen eine eigene WĂŒrde und etwas nostalgisch-retrospektives an – B. zöge analog auch einen alten Rolls Royce einem neuen Ferrari vor -und empfiehlt daher die Reise mit dem Palace on Wheels fĂŒr Indien-Newcomer zur Nachahmung.

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